V.Gulenko Lebensszenarien.

Von ethischen Gefühlen zu sensorischen Trieben



1. Aus dem Privatleben der Soziotypen


Die Erfahrungen in Beobachtungen des Privatlebens von verschiedenen Soziotypen, die im Laufe der Konsultationen gesammelt wurden, lassen einige Verallgemeinerungen zu. Im vorlegenden Artikel werde ich zeigen, wie man die Tendenz der Entwicklung von Paarbeziehungen von Mann und Frau prognostizieren kann, wenn ihre Soziotypen bekannt sind. Man muss sofort sagen, dass eine konkrete Prognose mit den Methoden der traditionellen Sozionik unmöglich ist.


Die Praxiserfahrung unseres Labors spricht dafür, dass man für die Erforschung der Menschenbeziehungen auf kurzen kommunikativen Distanzen tiefere Ebenen der Differenzierung braucht[3]. Trotzdem lassen sich beim Auseinandersetzen mit der erotischen Seite der Menschenbeziehungen einerseits Subjekte der Gefühle und andererseits ihre Objekte feststellen.


Die Gefühlssubjekte sind Quellen von Sympathien und Antipathien, die ihre subjektive Einschätzung eines anderen Menschen für richtig halten. Dazu gehören Menschen, die sich ihrer emotionalen Wahl gewiss sind. Da sie Gefühle im Überfluss haben, fühlen sie sich bewusst zu denen hingezogen, die ihre Erlebnisse teilen könnten. Im Privatleben ist es für sie wichtiger, selbst zu lieben, als geliebt zu werden. Genauer gesagt, hoffen sie darauf, ein Gegengefühl bei denen hervorzurufen, die sie subjektiv anzieht. Insbesondere bei den Gefühlsubjekten findet man am wahrscheinlichsten eine einseitige, unerwiderte Liebe vor.


Die Gefühlsobjekte sind diejenigen, die sich nur am Gefühl des anderen entflammen. Jedenfalls zeigen sie ihre Gefühle nicht als erste, da sie sich ihrer emotionalen Wahl (nicht mit der sexuellen verwechseln!) nicht gewiss sind. Deshalb handeln die Gefühlsobjekte auf die einfachste Weise: sie warten auf irgendein Zeichen, dass sie begehrt sind. Sympathien erwidern sie i.d.R. mit Sympathien, Antipathien mit Antipathien.


Die Gefühlssubjekte sind aus der Sicht der Sozionik Ethiker, die mehr mit dem Herz als mit der Vernunft leben. Die Gefühlsobjekte sind Logiker, die mehr mit der Vernunft als mit den Herzensregungen leben. Die Ethiker wählen also als Objekte ihrer Gefühle denjenigen, den sie mögen; die Logiker wählen dagegen in der Regel denjenigen, von dem sie gemocht werden.


Anmerkung. Achten Sie bitte darauf, dass hier nicht vom sexuellen, sondern vom ethisch-emotionalem Verhalten die Rede ist. Als Sympathie verstehe ich in diesem Kontext nicht den leiblichen Trieb, sondern die seelische Neigung.


Trotzdem sollte man nicht vergessen, dass die Kontaktfreudigkeit des Menschen nicht von den Schranken des Privatlebens allein begrenzt wird. Seine Biographie enthält neben der Familie und den Freunden noch einen, nicht weniger wichtigen Teil: die Arbeitskollegen und die Geschäftspartner. Und hier sehen wir genau das Gegenteil. Ein Logiker widmet der Arbeit stets mehr Kräfte und Aufmerksamkeit, als ein Ethiker. Diese Behauptung sollte man nicht so verstehen, dass der Erste mehr Zeit in der Arbeit verbringt, als der Zweite. Denn in der Arbeit kann man neben objektiv notwendigen Beschäftigungen auch seine privaten kommunikativen Bedürfnisse befriedigen!


2. Die einen warten, die anderen handeln


Die Lage wird dadurch erschwert, dass diese zwei Kategorien der Menschen ihre inneren Anregungen realisieren, indem sie auf Kosten des Privatlebens arbeiten, oder umgekehrt, d.h. auf unterschiedliche Weisen. Hier kann man auch zwei Extreme aufzeigen, zwischen denen die Menschen schwanken.


Erstens gibt es die abwartende Position. Sie wird von den Typen eingenommen, die geneigt sind, fremde Angebote zur Prüfung anzunehmen. Bewusstes Abwarten kann auf Geschäftsangebote gerichtet sein, wenn es Logiker sind, oder auf Angebote privaten Charakters, wenn es sich um Ethiker handelt. Jedenfalls ist es die Position der Introvertierten – der Typen, die mehr annehmen, als sie abgeben, und wenn sie abgeben, dann hauptsächlich als Antwort auf einen äußerlichen Einfluss.


Die gegensätzliche Position ist expansiv, erweiternd. Ihre Vertreter ergreifen die Initiative selbst, ohne abzuwarten, bis es die anderen machen. Ethiker mit solcher Position sind wiederum, initiativ im Privatleben, und Logiker in objektiven Sachen. Solches Benehmen ist charakteristisch für Extravertierte – diejenigen Typen, die mehr wörtliche oder andere Information abgeben, als sie von Anderen annehmen.


Und jetzt – ein paar Bemerkungen über Kontaktfreudigkeit. Der Exkurs zu diesem Thema ist deswegen notwendig, weil der Begriff von Extra- und Introversion in der Sozionik ganz anders als in der traditionellen Psychologie interpretiert wird. Unter Psychologen bildete sich eine feste Meinung, dass Extravertierte unbedingt kontaktfreudige und Introvertierte – verschlossene Menschen sind. Wenn es aber so einfach ist, wozu brauchte dann Jung neue Termini einzuführen?


Es gibt verschiedene Arten der Kommunikation. Man muss formelle und informelle Kommunikation deutlich unterscheiden. Ethische Extravertierte, wenn es reine Typen sind, sind tatsächlich in jeder Situation auf Menschenkontakte orientiert. Aber auch viele ethische Introvertierte sind ziemlich kontaktfreudig. Das soll nicht wundern, denn sie fühlen sich gerade in der informellen Umgebung gut, wo das subjektive Gefühl eine Hauptrolle spielt.


Die logischen Typen, auch wenn sie extravertiert sind, können unter diesen Bedingungen ganz kontaktscheu sein, denn hier haben sie keine Orientierungspunkte und werden deshalb nur zu Objekten von fremden Sympathien und Antipathien. Doch in der Arbeit sehen wir gerade das Gegenteil. Aktive Subjekte des Handelns sind extravertierte Logiker. Bei der formellen Kommunikation ist ihre Ausrichtung auf die äußere sachliche Umgebung maximal. Was die Kontaktfreudigkeit nicht mit Freunden, sondern mit Menschen als Vollzieher von amtlichen Pflichten anbetrifft, so sind logische Extravertierte ethischen weit überlegen.


3. Arten der Kontaktfreudigkeit


Die erste Einteilung der Soziotypen in Logiker und Ethiker überschneidet sich mit der zweiten Einteilung in Extravertierte und Introvertierte und bildet 4 Gruppen der Kontaktfreudigkeit. Schematisch sieht es so aus:


Extraversion
 
Logik  
Geschäftliche  
 
  Leidenschaftliche
 
 
Gleichmütige  
 
  Warmherzige
  Ethik
 
Introversion

Zuerst untersuchen wir die kontrastreichen, im Leben gut auffallenden Arten der Kontaktfreudigkeit – extravertiert-ethisch und introvertiert-logisch.


1. Extravertierte Ethiker, oder Leidenschaftliche


Ihre Position bei der Kommunikation ist aktive Suche nach Gefühlen. Sie bringen den Menschen aus ihrer Umgebung Emotionen entgegen. Für ihr Lebensszenario ist es bezeichnend, dass sie im Durchschnitt früher als andere heiraten. Ebenso lassen sie sich häufiger scheiden, als Vertreter anderer Soziotypen. Die Kommunikation verstehen sie als einen Austausch von Emotionen, als eigenartiges „Schwimmen“ in stürmischer Flut des Lebens. Die Bezeichnung dieser Gruppe ist ER: im Block Ego ist bei diesen vier Typen entweder Emotionsethik E als erste Funktion, oder Beziehungsethik R als zweite Funktion vorhanden.


2. Introvertierte Logiker, oder Gleichmütige


Diese Gruppe der Kontaktfreudigkeit steht im Gegensatz zu den Leidenschaftlichen. Ihre Position bei der informellen Kommunikation ist passives Warten auf Gefühle. Die Kontaktfreudigkeit dieser Typen vollzieht sich nach etablierten Schemen und Normen. Ihre Lebensszenarien zeichnen sich durch die spätesten Eheschließungen und das Fehlen von nochmaligen Ehen aus. Ihre Ehen gelingen in der Regel am wenigsten. Die Kommunikation verstehen sie als Austausch von fehlenden Informationen erklärenden Charakters. Solche Kommunikation würde nichts verlieren, wenn sie nur in Schriftform vollzogen würde. Diese Gruppe bezeichnen wir als LP: im Block Ego bei diesen Typen ist entweder Strukturlogik L als erste Funktion, oder Handlungslogik P als zweite Funktion vorhanden.


Zwischen diesen zwei Extremen der Kontaktfreudigkeit befinden sich zwei mittlere Arten, die in den Rahmen der von der Gesellschaft abgefassten Stereotypen des Verhaltens von Personen verschiedenen Geschlechts hineinpassen.


3. Extravertierte Logiker oder Geschäftliche – das männliche Stereotyp der Kontaktfreudigkeit


Ihre Position kann man als „aktives Warten auf Gefühle“ nennen. Geschäftliche Soziotypen rechnen damit, ihren Geliebten oder Geliebte inmitten einer Reihe von Beschäftigungen zu treffen. Man schreibt der Standardgestalt des echten Mannes eine aktive Lebensposition zu, jedoch nicht im Bereich der Gefühle. In der romantischen Literatur lernt der Held seine künftige Braut kennen, indem er ihr aus der Not hilft. Eine Kommunikation verstehen diese Soziotypen als geschäftliche Zusammenarbeit. Diese Gruppe wird als PL bezeichnet: in ihrem Block Ego tritt entweder Handlungslogik P als erste Funktion, oder Strukturlogik L als zweite Funktion auf.


4. Introvertierte Ethiker oder Warmherzige – das weibliche Stereotyp der Kontaktfreudigkeit


Diese Position kann man als passive Suche nach Gefühlen charakterisieren. Al Ethiker wählen die Warmherzigen Soziotypen sicher einen ihnen imponierenden Partner, aber als Introvertierte drücken sie ihre Bereitschaft zu ethischen Kontakten aus, indem sie nur indirekte Signale ausstrahlen. Gerade solches Verhalten verlangt die traditionelle Moral von der Frau in der Zeit vor der Ehe. Diese Kategorie der Soziotypen ist am meisten dem traditionellen Szenario mit stereotyper Verteilung von männlichen und weiblichen Pflichten zugeneigt: der Mann ist ein Ernährer der Familie und ihr Beschützer, die Frau eine Hüterin des Hausherds und Erzieherin der Kinder. Die Kommunikation wird als Austausch von Zeichen der seelischen Zuneigung verstanden. Diese Gruppe hat die Bezeichnung RE: bei den Soziotypen dieser Gruppe ist im Block Ego entweder Beziehungsethik R als erste Funktion, oder Emotionsethik E als zweite Funktion vorhanden.


4. Wer mit wem ist besser


4.1. Bei der Analyse der Beziehungen zwischen den Gruppen werde ich mich auf folgende, mir aus der Praxis sozionischer Beobachtungen und Konsultationen bekannte, Lebenstendenzen stützen:


  • Der Ethiker zieht instinktiv den Logiker an, und umgekehrt; die psychologische Atmosphäre in einem rein logischen Paar wird zu trocken und langweilig, und im rein ethischen sehr unruhig und übersättigt mit Erlebnissen. Eine nach der Stärke sekundäre Anziehung ist zwischen zwei Logikern möglich, wenn einer von ihnen über verstärkte Emotionalität verfügt, oder zwischen zwei Ethikern, wenn einer von ihnen verstärkte Vernünftigkeit besitzt.
  • Der Introvertierte zieht instinktiv den Extravertierten an, und umgekehrt, obwohl diese Anziehungskraft nicht so stark wie im ersten Fall ist. Extravertierte erobern, und Introvertierte lassen sich erobern. Die friedliche Koexistenz von zwei Extravertierten ist nur dann möglich, wenn sie die Sphären ihrer Aktivität künstlich abgrenzen. Jedoch entsteht fast immer in einem solchen Paar ein Kampf um die Macht, und der Verlierer fühlt sich eingeengt. Der Bund von zwei Introvertierten kann dann funktionieren, wenn einer von ihnen eine Rolle des in der äußeren Umwelt aktiven Subjekts auf sich nimmt. Ohne diese spezielle Maßnahme ist ein solches Paar praktisch zur Selbstisolation verurteilt.

4.2. Beim Durchführen einer sozionischen Konsultation über Harmonisierung der zwischenmenschlichen Beziehungen im Paar empfehle ich folgende gemittelte Szenarien der intertypischen Dynamik zu berücksichtigen:


1. Der Geschäftliche (PL) und der Warmherzige (RE)


Das ist eine gelungene Kombination von zwei Arten der Kontaktfreudigkeit, die eine Homöostase eines selbsterhaltenden gleichgewichtigen Zustands sowohl innerhalb des Systems, als auch bei der Interaktion mit der Umwelt erreichen lässt.


Bei der Entstehung von internen Meinungsverschiedenheiten zwischen solchen Partnern wirkt der Geschäftliche als Extravertierter auf den Warmherzigen aktiv ein, und dieser lässt sich ohne besonderen Widerstand von ihm beeinflussen. Dank der Fähigkeit des Warmherzigen, Streitigkeiten zu schlichten, wird das Gleichgewicht wiederhergestellt.

Wenn in einem solchem Paar Konflikte mit der Umgebung entstehen, macht sich viel mehr der Warmherzige Sorgen darüber, da er ein Ethiker ist. Jedoch legt er wegen seiner Introversion einfach das Problem dem Geschäftlichen dar, der entsprechende Maßnahmen trifft. Im Endeffekt erweist sich das Paar stabil auch gegen einen destruktiven Einfluss von außen.

2. Der Leidenschaftliche (ER) und der Gleichmütige (LP).


Noch eine gelungene Kombination von Arten der Kontaktfreudigkeit, die die natürliche Selbstregulierung im Paar gewährleisten kann. Das Szenario entwickelt sich auf folgende Weise:


Bei der Entstehung interner Widersprüche beginnt der Leidenschaftliche, auf den Gleichmütigen aus der Position der extravertierten Expansion einzuwirken mit dem Ziel, dessen Verhalten zu eigenen Gunsten zu ändern. Aber der Gleichmütige als wenig emotionaler Typ gibt diesen Versuchen nicht nach. Sein Verhalten stellt sich jedoch mit der Zeit um, einfach weil seine eigene Bewertung der Situation geändert wird. Der Leidenschaftliche ist damit zufrieden, sein Eifer ist zu jener Zeit auch schon abgekühlt, und der Konflikt erlischt auf natürliche Weise.


Im Fall einer äußeren Aggression neigt der Gleichmütige dazu, sie zu ignorieren und sich mit seiner Arbeit zu beschäftigen, als sei nichts passiert. Solche zurückhaltende Position imponiert dem Leidenschaftlichen ziemlich, da sie ihn entstandenen Probleme ethischen Charakters selbstständig bewältigen lässt.


Innerhalb der beschriebenen Arten der Interaktionen verbergen sich zusammengefasst 4 intertypischen Beziehungen. Die gelungensten Kombinationen (wenn die Typen rein sind!) sind duale Beziehungen PS RI, IL SE, FL TE ... Dann folgen halbduale, Revision- und Konfliktbeziehungen. Sogar Konfliktbeziehungen verfügen über eine Stabilität bei einer Entfernung auf sichere Distanz. Duale Beziehungen gewährleisten Homöostase nur auf einer kurzen kommunikativen Distanz.


4.3. Die zwei nächsten Arten der Interaktionen gewährleisten die psychologische Homöostase nur teilweise. Die Verträglichkeit zwischen ihnen nimmt mittelmäßige Werte an. Als zerstörend erweisen sich entweder äußere destruktive Einflüsse, oder interne Widersprüche.


3. Der Geschäftliche (PL) und der Gleichmütige (LP)


Die Ereignisse entwickeln sich in der Regel nach folgendem Szenario. Die Beiden in einem solchen Paar sind gegenüber ethischen Einwirkungen des Partners ziemlich gleichgültig. Der Geschäftliche versucht, den Gleichmütigen für seine Ziele zu benutzen, aber seine Versuche bleiben erfolglos. Mit der Zeit, nach einer Reihe von Rückschlägen, erlischt das Streben des Geschäftlichen danach, die Situation nach eigenem Geschmack zu ändern, und die Partner entfremden sich von einander. Das innere Gleichgewicht wird auf diese Weise doch erreicht.


Bei der Interaktion mit der Umgebung erweist sich das Paar als unempfindlich. Jeder beschäftigt sich mit seiner Sache. Wenn aber die äußeren Einwirkungen so stark sind, dass sie sogar wenig aktive ethische Funktionen der Partner aktivieren können, entstehen zwischen ihnen Streitigkeiten wegen Antwortaktionen. Ein gestörtes Gleichgewicht mit der Umwelt lässt sich nur sehr schwer wiederherstellen.


4. Der Leidenschaftliche (ER) und der Warmherzige (RE)


Die Besonderheiten der gegenseitigen Anpassung sind hier so: jeder im Paar, da die beiden Ethiker sind, spürt gut, dass der zwischen ihnen entstandene Konflikt sich sehr negativ auf die Lebenstätigkeit des anderen auswirkt. Jedoch wird nur der Warmherzige sich Mühe geben, sein eigenes Verhalten zu ändern. Der Leidenschaftliche wird verlangen, dass der Partner sein Verhalten zu ändern habe. Da der Warmherzige nachgibt, wird der Frieden nach einer Reihe emotionaler Ausbrüche wiederhergestellt.


Wenn diesem Paar Probleme mit der Umgebung entstehen, wird das Szenario sofort dramatisiert. Sie sind dazu geneigt, eine Verschärfung der Außenbeziehungen auf eigene Konflikte zu übertragen. Jede Besprechung von äußeren Ereignissen führt unter diesen Bedingungen leicht zum Streit. Die Treibkraft eines solchen Szenarios ist der Überfluss an Emotionalität. Das Gleichgewicht in einem solchen Paar ist instabil gegen innere Widersprüche.


5. Wer mit wem ist schlechter


1. Der Leidenschaftliche (ER) und der Geschäftliche (PL)


Dieses Lebensszenario ist wohl das dynamischste und widersprüchlichste. Da die beiden extravertiert sind, strebt jeder danach, das Verhalten des Partners zu ändern. Beide sind aktiv und wollen sich nicht dem anderen anpassen. Der Geschäftliche sucht sich ein Ventil in noch mehr Beschäftigungen, und der Leidenschaftliche strebt danach, klärende Streitgespräche in der sich verschlechternden Beziehung zu führen. Der Konflikt wird deswegen noch mehr aufgebläht.


In den Interaktionen mit der Umgebung versuchen die beiden aktiv auf die Umwelt einzuwirken, und beginnen miteinander um die Führungsrolle zu konkurrieren. Dabei spielt der Geschäftliche eine aktivere Rolle in diesen Auseinadersetzungen, da er glaubt, dass der Leidenschaftliche mit seiner emotionalen Ungehaltenheit der gemeinsamen Sache schadet. Das Paar erweist sich als unverträglich: es fällt ihm sehr schwer, eine Stabilität sowohl gegen innere als auch gegen äußere negative Faktoren zu erreichen.


2. Der Warmherzige (RE) und der Gleichmütige (LP)


Das Lebensszenario, das von inneren Widersprüchen und Schwankungen durchdrungen ist. Wegen der Introversion strebt jeder beim Entstehen der Meinungsverschiedenheiten danach, vor allem sich selbst zu ändern. Aber die Reaktion des Warmherzigen ist schneller und leichter bemerkbar. Deshalb beginnt er zu glauben, dass er sich für den Frieden im Paar aufopfert. Der Gleichmütige scheint diese friedensstiftenden Handlungen gar nicht zu bemerken. Es wird der Eindruck geschaffen, dass er die Selbstaufopferung des Warmherzigen nicht schätzt. Das ruft Gereiztheit in ihrer Beziehung hervor.


Wegen derselben Introversion sind sie nicht im Stande, die Umgebung in eine für sich günstige Richtung zu ändern. Deshalb können äußere negative Einwirkungen ein solches Paar leicht zerstören. Dabei erweist sich der Warmherzige in dieser Beziehung als der Labilere, da er eine Neigung zu einer feinen Wahrnehmung von äußeren Sympathien und Antipathien hat. Folglich verfügt ein solches Paar über keine effektiven Mechanismen zur Aufrechterhaltung der Homöostase.


3. Zwei Geschäftliche (PL)


Die beiden streben danach, auf den Partner für das Erreichen eigener Ziele einzuwirken, aber beide sind gegen solche Einwirkungen unempfindlich. Infolgedessen brechen im Paar oft kurze, aber intensive Konflikte aus.


Beide versuchen, die Umgebung zu beeinflussen, können aber ihre Handlungen nicht richtig abstimmen. Jeder macht alles dafür, um den Gang der Ereignisse zu seinen Gunsten zu wenden. Die Verträglichkeit ist nur dann befriedigend, wenn beide in geschlossener Front gegen äußeren Konkurrenten auftreten.


Für eine gemeinsame Unternehmungslust sind Intertypenbeziehungen des sozialen Auftrags passender. Man merkt, dass der Auftraggeber sich zum Auftragnehmer hingezogen fühlt, da er hofft, einen Kontraktor (Auftragnehmer) für seine Vorhaben zu finden [4].


4. Zwei Leidenschaftliche (ER)


In einem solchen Paar mit hoher Kontaktfreudigkeit sind kleinliche gegenseitige Beschuldigungen nicht zu vermeiden. Jeder wirkt extravertiert auf den anderen ein, aber niemand wird nachgeben. Diesen Partnern scheint, dass der andere ihn nicht versteht, deshalb entsteht ein starker Wunsch, klärende Beziehungsgespräche zu führen. Aber die Versuche, seinen Standpunkt gegenüber dem Partner zu begründen, bleiben in der Regel erfolglos. Deswegen schwelt der Konflikt noch lange weiter.


In Kontakten mit der Umgebung konkurrieren die beiden um emotionale Einflüsse. Ein solches Paar ist leicht zu entzweien, da ihr emotionaler Überfluss irgendeine Entspannungen finden muss. Im Fall einer Verteidigung von gegenseitigen Interessen gegen äußere Eingriffe fällt die Abstimmung der gemeinsamen Handlungen schwer. Das Erreichen der gleichgewichtigen Kommunikation im Paar ist auf Dauer nicht möglich.


5. Zwei Warmherzige (RE)


Jeder in einem solchen Paar gibt sich alle mögliche Mühe, um Konflikte zu vermeiden. Das stabilisiert das Paar als Ganzes. Wenn aber ein Konflikt zwischen ihnen doch entsteht, so sieht jeder seine Ursache in den Handlungen des anderen. Das vermindert die Gegenseitigkeit in der Beziehung. Das Paar findet zwar Kompromisslösungen, ist aber empfindlich und nicht offen.


Die äußeren Probleme versucht jeder unabhängig zu lösen, ohne die Hilfe des anderen heranzuziehen, da er schnell merkt, dass der Nachdruck zu aktiven Handlungen zu nichts führt. Die Folge einer solchen Lage ist eine gegenseitige Enttäuschung hinsichtlich der Konkurrenzfähigkeit von einander.


Jedoch kann das Vorhandensein eines gemeinsamen annehmbaren Ziels das „warmherzige“ Paar ziemlich stark vereinigen. Diese Aufgabe muss im Aufrechterhalten einer warmen psychologischen Atmosphäre und der entstandenen Anhänglichkeiten im Rahmen einer für sie bedeutsamen Minigruppe bestehen. Zum Beispiel, die Erziehung von Kindern.


6. Zwei Gleichmütige (LP)


Ein sehr nachteiliges Lebensszenario wegen Mangel an Aktivität und seelischer Wärme.


Jeder Partner ist gegen Bemühungen des anderen unempfindlich und reagiert auf seine Handlungen mit ziemlicher Verspätung. Deswegen obwohl das Paar nicht in einen Konflikt gerät, wirkt es aber faktisch nicht positiv zusammen. Der eine lässt den anderen in Ruhe und ist damit zufrieden, dass man ihn auch nicht stört. Ein entstehender Konflikt erlischt schnell, da niemand „Öl ins Feuer gießt“.


Bei der Veränderung von äußeren Umständen bemüht sich jeder darum, sich selbständig an die Änderungen anzupassen. Man hilft einander sehr wenig. Deshalb bildet sich im Paar eine Atmosphäre der Entfremdung. Die Verträglichkeit kann man mit folgendem vereinigendem Ziel erhöhen: gemeinsame Erarbeitung von Schemen, Methoden, Anweisungen, Prognosen.


6. Die Berührung mit der Psychoanalyse


Wenn man unter Psychoanalyse die Entdeckung der unbewussten Ursachen von schwer prognostizierbaren Handlungen oder Erlebnissen des Menschen versteht, die so oder anders mit seinem Libido verbunden sind, so verfügt die Sozionik in ihrem Instrumentarium über einige Paare differentialer Merkmale, die, wenn auch mit knapper Not, einige psychoanalytische Besonderheiten der Persönlichkeit insgesamt modellieren lassen. Welche Merkmale sind es?


Erstens die Achse „Sensorik-Intuition“. Die Handlung ihrer Pole ist bei weitem unbewusst. Intuitive Eingebungen und Erleuchtungen stehen im vollen Gegensatz zur rationalen Erfahrung, die über viele Monate und Jahre erworben wird. Die Sensorik stellt eigentlich eine angeborene instinktive Reaktion auf mögliche Reizungen des mit der Umgebung zusammenwirkenden Organismus dar, die ebenso im unterbewussten Teil der Psyche wurzeln. Übrigens, im Alltag bezeichnen sensorisch-irrationale Typen die Jungsche Funktion Sensorik auch als Intuition.


Zweitens die Achse „Resolutivität/Diskutivität“. Mit Hilfe dieses Paars von Merkmalen wird das Sozion in zwei Paar Quadren aufgeteilt. Die zweite und dritte Quadra erweisen sich als „resolutiv“, entschlossen (lat. resolvo ich entscheide, löse, entfessele), d.h. sie neigen zu harten, Widersprüche scharf lösenden Willensakten. Die erste und vierte Quadra sind „diskutiv“, beratend (lat. discutio ich bespreche, handle ab), d.h. sie neigen zur offenen und breiten Besprechung der entstehenden Widersprüche. Dieses Paar der typologischen Merkmale ist mit den Werten der Quadren eng verbunden und wurzelt wahrscheinlich in den Jungschen Archetypen des Kollektiven Unbewussten.


Die mit Hilfe dieser zwei Achsen abgesonderten Gruppen werde ich unter dem Gesichtswinkel der verborgenen psychosexuellen Tendenzen der Soziotypen analysieren. Achten Sie darauf, dass hier die Rede von einem eher instinktiven, körperlichen Aspekt der erotischen Beziehungen ist, im Gegensatz zum Geistigen, Platonischen, das in der ersten Hälfte dieses Artikels betrachtet wurde.


Also die Achse „Sensorik-Intuition“, die ich für eine bedingte Repräsentation der individuellen Formen des Unbewussten heranziehe, kreuzt sich orthogonal mit der Achse „Resolutivität/Diskutivität“, die annähernd jene psychischen Orientierungspunkte vertritt, die Jung als das Kollektive Unbewusste bezeichnete. Sie bilden vier psychoanalytische Gruppen der Soziotypen:


Sensorik
 
Resolutivität  
Aggressive  
 
  Fürsorgliche
 
 
Viktime  
 
  Infantile
  Diskutivität
 
Intuition

Den Gruppen verleihen wir folgende Bezeichnungen:


  1. Diskutive Sensoriker ES, SE, PS, SP (S-Gruppe) „die Fürsorglichen“;
  2. Entschlossene Sensoriker FL, LF, FR, RF (F-Gruppe) „die Aggressiven“;
  3. Entschlossene Intuitive ТЕ, ЕТ, ТР, РТ (Т-Gruppe) „die Viktimen“ (lat. victima Opfer);
  4. Diskutive Intuitive LI, IL, RI, IR (I-Gruppe) “die Infantilen“ (lat. infantilis kindlich).

Für unser Ziel ist es praktischer, Männer- und Frauentypen getrennt zu betrachten.


1. Frauentypen


1.1. „Fürsorgliche“ Frau oder „Frau-Mutter“


Neigt dazu, ihren Partner zu betreuen. Sie zieht die schwachen, aber intelligenten, Männern an, die sich ihr in alltäglichen Sachen unterordnen. Es ist ihr angenehm, sie zu beschützen, zu unterstützen, aufzumuntern. Solche Charaktereigenschaften, die im Massenbewusstsein keine Achtung für Männer hervorrufen, werden von dieser Frau entschuldigt oder als durchaus akzeptabel angesehen.


1.2. „Aggressor“-Frau


Versucht immer, mit dem Mann zu konkurrieren, auch in erotischen Beziehungen. Neigt zur Ironie, zum Lustig machen über das männliche Geschlecht. Es gefällt ihr, sich in jeder Sache kompetenter als der Mann zu fühlen. Während des Liebesspiels erwartet sie vom Mann Liebedienereien, Scheinschwäche, emotionale Unbeständigkeit.


1.3. „Viktime“ Frau


Das Ideal einer solchen Frau ist ein körperlich starker Mann, der dem Superman aus amerikanischen Blockbustern ähnelt. Sie wünscht seine Stärke an sich zu erproben, wünscht seinem Drang zu widerstehen, sich als Opfer zu fühlen. In den Liebesspielen bevorzugt sie verschiedene Formen des Kampfes, die die Leidenschaft des Partners entfachen. Den Frauen dieses Typs sind zeitweise masochistische Eigenschaften wesenseigen. Allerdings werden sich bei weitem nicht alle von ihnen darüber bewusst.


1.4. „Infantile“ Frau oder „Frau-Tochter“


Das Ideal dieser Frau ist ein gutmutiger und erfahrener Mann, der im Leben gut zurecht kommt, gewöhnlich älter, als sie. In der Gegenwart eines solchen Mannes fühlt sie sich als ein kleines Mädchen, das fast in allem von ihm abhängig ist. Im Liebesspiel bevorzugt sie psychologische Faktoren: Seelengespräch, angenehme Musik, Schaffen von Bedingungen zum Enspannen. Über alles schätzt sie Nachsicht und Fürsorge.


2. Männertypen


2.1. „Fürsorglicher“ Mann oder „Mann-Vater“


Ein erfahrener und gegenüber geistiger Welt der Frau aufmerksamer Partner, der sie mit gönnerhaftem Hofieren für sich gewinnen kann. Im Liebesspiel schätzt er sehr die weibliche Zärtlichkeit und Schutzlosigkeit, erwartet Bewunderung seiner Lebenserfahrung und Meisterschaft.


2.2. „Aggressor“- Mann


Dieser Soziotyp hat eine Neigung zur gewaltsamen Besitzergreifung der Frau. Im Liebesspiel liebt er, einen Kampf vorzuführen. Kann sich eine Grobheit erlauben, manchmal tut er Frauen weh, sowohl physisch, als auch seelisch. Erwartet von der Frau eine Unterwerfung unter die Stärke.


2.3. „Viktimer“ Mann


Idealisiert eine starke Frau. Passt sich ihrem Geschmack an, respektiert ihre Charakterstärke. Im Verhalten unterstreicht er mal seine Abhängigkeit und seinen Gehorsam, mal reißt er sich von der Kontrolle los. In Beziehung mit einer Frau erwartet unterbewusst Anordnungen, böse Streiche, Vorwürfe. Wenn er solche Reaktionen nicht bekommt, provoziert er unwillkürlich ihre Erscheinung.


2.4. „Infantiler“ Mann oder „Mann-Sohn“


Unselbständig, im Alltag naiv, erwartet von der Frau eine geschäftliche und emotionale Unterstützung. Unwillkürlich betont er seine Verwahrlosung, untergegangene Fähigkeiten, Untauglichkeit zum Lebenskampf. Respektiert bei Frauen Erfahrung und Anteilnahme an seinen Problemen.


7. Psychosexuelle Verträglichkeit


1. „Fürsorgliche“ Frau


Sie akzeptiert vom Mann keine kräftigen, aber groben Liebkosungen. Ein erotischer Kampf ohne Vorspiel unterdrückt ihre Sexualität, deshalb wird sie von dem Superman enttäuscht. Das Verhalten eines mit ihr verträglichen Mannes muss infantil sein, d.h. schüchtern, abwartend, verlockend. Eine solche Frau mag Liebkosungen, die in zärtlichen, kindlich schwachen Berührungen der erogenen Zonen Ausdruck finden.


Eine Beziehung mit einem Viktimen Mann passt ihr auch nicht, da sein kapriziöses Verhalten, seine Kniffe und seine Provokationen der Stärke verwirren sie und wirken abstoßend. Eine Beziehung mit einem nach psychosexuellen Bestrebungen identischen Fürsorglichen Mann enttäuscht sie auf Dauer, obwohl sie auch im Prinzip nichts dagegen hat. Über kurz oder lang, inmitten des Komforts, mit dem man sie umgeben hat, wird sie einen Mangel an Geistigkeit spüren.


2. „Aggressive“ Frau


Sie sucht ein Objekt für ihre herrschsüchtigen und aktiven erotischen Handlungen. Am meisten passt ihr ein Mann, der sich zu ihr gehorsam, aber launisch benimmt. Dann hat sie Anlass für Aggression. Ein Viktimer Mann vergöttert eine solche Frau und fürchtet sich vor ihr zugleich. Sein Verhalten kann man mit dem Verhalten eines Pagen vergleichen, der sich ganz dem Dienen „einer schönen Dame“ widmet. Das ständige Spiel ist ein bestes Heilmittel gegen Übersättigung.


In einer Beziehung mit einem Infantilen Mann mangelt es ihr an der spielerischen Gehorsamkeit seinerseits. Sein Unwille, sich den aggressiven Ausfällen anzupassen, bringt einen solchen Bund an den Rand der Trennung. Eine Beziehung mit einem „Aggressor“ männlichen Geschlechts schmeicheln ihr einerseits, und treibt ihren Eifer an, andererseits wirkt sie aber auch abstoßend, da sie nicht zum gewünschten Sieg führt. Deshalb kann sie nur einen wechselnden Erfolg haben. Ein Fürsorglicher Mann macht sie nervös mit seiner Einstellung zu ihr wie zu einem kleinen Kind, die sie als Erniedrigung wahrnimmt.


3. „Viktime“ Frau


Sie spielt geschickt ihre Schwäche, Schutzlosigkeit oder Unorganisiertheit aus, provoziert damit den Aggressiven Mann zu aktiven und entschlossenen Handlungen. In den Liebesspielen sind für sie feste Umarmungen und die Kraft des männlichen Körpers am wichtigsten, - denen nachgebend demonstriert sie ihre Gehorsamkeit dem Willen des Mannes.


Die Männer vom Fürsorglichen Typ nimmt sie als bequeme, aber zu langweilige Partner wahr, und Infantile hält sie insgeheim überhaupt für willenlose Schwächlinge. Mit Männern gleichen Typs geht die Viktime Frau eine kompliziert Beziehung mit unausgesprochenem Sinn ein, indem sie mit ihnen in der Opferbereitschaft konkurriert und besondere Privilegien dafür verlangt. Nicht selten zermürben solche Spiele die beiden geradezu.


Hier ist es zu erwähnen, dass psychoanalytische Gruppen ohne spezielle Detaillierung betrachtet werden, so dass einzelne feinere Unterschiede innerhalb von ihnen verschwinden. Insbesondere bleibt für Viktime T-Typen ohne Beachtung die Tatsache, dass sie gewöhnlich in „tragische Opfer“ (ET und TE) und „lustige Opfer“ (TP und PT) eingeteilt werden.


4. „Infantile“ Frau


Im erotischen Leben einer Frau dieses Typs haben feine Liebkosungen und Psychologie der Beziehung die größte Bedeutung. Sie demonstriert, ohne irgendwelche spezielle Absichten zu haben, mit ihrem Benehmen Zerbrechlichkeit und kindliche Naivität. Die Infantile Frau nimmt leicht Handlungen und Hobbys des Partners auf, mit dem sie sympathisiert. In den Liebesspielen greift sie gerne die Initiative des Fürsorglichen Mannes auf, indem sie ihre eigene Raffinesse und Phantasie äußert.


Die Supermänner, d.h. Männer des Aggressiven Typs, beachtet eine solche Frau natürlich, jedoch fürchtet sie, sich ihnen anzunähern, weil sie ihr zu instinktiv und zu grob sind. Ein Mann des Viktimen Typs passt ihr nur teilweise: er beginnt romantisch, löst bei ihr dann aber ein Befremden mit seiner Demonstration der Leiden und Unberechenbarkeit aus. Mit den Männern des identischen Infantilen Typs wird sie bestimmt Unbehagen verspüren wegen des Mangels an Sorge für ihre Alltagsbedürfnisse. In einem solchen Paar wird die Stufe der Entfremdung langsam steigen.


8. Seltsamkeiten der Talente


Am Ende der Skizze von psychoanalytischen Gruppen möchte ich die Leser darauf aufmerksam machen, dass der vorkommende beträchtliche Altersunterschied bei Eheleuten neben den sozialen (finanzielle Gründe) auch ausgeprägte psychoanalytische Wurzeln hat. Ich erinnere an eine bekannte Tatsache, dass Männer von kreativen Berufen (Dichter, Schauspieler, Maler, Philosophen u.a.), insbesondere die am meisten talentierten unter ihnen, oft als Freundinnen und Gattinnen Frauen wählen, die viel älter als sie sind. Warum?


Allem Anschein nach ist das Schaffen mit der starken Entwicklung der intuitiven Funktionen verbunden, entweder I oder T. Und das bedeutet, wie wir schon wissen, die Zugehörigkeit zu den Gruppen der Infantilen und Viktimen Soziotypen. Darüber schreibt auch E. Berne, der den schöpferischen Grundsatz im Menschen mit dem Ego-Zustand „Kind“ verbindet [2]. I- und Т-Soziotypen brauchen den Schutz von sensorischen Soziotypen, die erfahren und praktisch im Leben sind. Die Lebenserfahrung kommt mit den Jahren, deshalb wählen besonders kreative Intuitive als Lebensgefährten einen reifen Menschen.


Beispiele


J.W. Goethe fand eine Geliebte in der Person Charlotte von Stein, die sieben Jahre älter war als er. Der deutsche Philosoph F.W. Schelling war um zehn Jahre jünger als seine Auserwählte Caroline Schlegel. Zur Gefährtin von Salvador Dali wurde die Russin Jelena Dmitrijewna Djakonowa, die 20 Jahre früher geboren wurde als er.


Als normaler wird die Tatsache wahrgenommen, dass reife Männer, die ein Unternehmen oder politische Organisationen leiten (in der Regel F- und S-Typen) ganz junge Freundinnen heiraten, oft ihre Sekretärinnen. Zum Beispiel, Leiter der palästinensischen Befreiungsorganisation PLO Jassir Arafat heiratete mit 63 Jahren die 29-jährige Sucha Tawil. Zur Gattin des deutschen Außenministers Hans-Dietrich Genscher wurde seine Sekretärin Barbara.


Man kann mir erwidern: dies geschieht wegen des Strebens junger Damen nach materiellem Wohlstand. Aber das bestätigt nur, dass soziale Schablonen in typologisch bedingten individuellen Tendenzen wurzeln. Einen viel jüngeren Lebenspartner wählen nämlich die besonders aktiven und erfahrenen sensorischen Soziotypen, die zu Gruppen der Aggressiven und Fürsorglichen gehören. Es zieht sie instinktiv zu Jungen und Unreifen, die ihre Schirmherrschaft brauchen und ihre Kraft und Erfahrung verehren werden.


Jedoch gibt es keine Regel ohne Ausnahme, besonders wenn es sich um das geheimste Menschengefühl handelt, das jedes Wunder schaffen kann.


Kiew, 12.12.1992


Literaturliste:


  1. Augustinavičiute, A. Über die duale Natur des Menschen, 1983.
  2. Berne E. Spiele der Erwachsenen. Sankt-Petersburg, 1992.
  3. Gulenko V., Meged W., Owtscharow A. Diagnostische Beschreibungen von 32 Varianten der Persönlichkeit. Kiew, 1991.
  4. Gulenko V. Kriterien der Gegenseitigkeit. Intertypische Beziehungen als Interaktion der Temperamente und Einstellungen. Kiew, 15.07.1992.

© Autor: Viktor Gulenko
© Übersetzung: Nadiya Medvedovska