Aspekte der Information
Geschrieben von: Albert Schneider   

 

Wir sind ständig von einer Informationsfülle umgeben. Der Stuhl, auf dem Sie sitzen, kann hart oder weich sein, neu oder alt, teuer oder günstig, prachtvoll oder unauffällig, schön oder langweilig, stilvoll oder geschmacklos. Vielleicht kann man auf ihm stehend eine Glühbirne austauschen, vielleicht ist er aber dafür nicht geeignet. Über diese und andere Eigenschaften des Stuhls hinaus existieren zahlreiche Verbindungen zwischen dem Stuhl selbst und anderen Gegenständen in seiner Umgebung. Der Stuhl kann z.B. vor, links oder rechts vom Schreibtisch stehen, vielleicht nutzen Sie ihn auf Ihrem Balkon, vielleicht im Garten. Die Verbindungen zwischen dem Objekt „Stuhl“ und all diesen anderen Objekten sind zwar unsichtbar, aber sie sind genauso real wie er selbst. Sie werden schließlich nie verwechseln, ob ein Stuhl links von einem Tisch oder direkt vor ihm steht. Und diese Verbindungen sind auch eine weitere Information, die wir aufnehmen.

 

Die uns umgebenden Gegenstände nennt man Objekte und die Verbindungen zwischen ihnen bezeichnet man als Beziehungen.

 

Nun was machen wir mit diesem Informationsstrom, dem wir ständig ausgesetzt sind? Wir nehmen diese Informationen auf. Allerdings auf eine höchst unterschiedliche Art und Weise. Der allgemeine Informationsstrom ist nämlich ganz und gar nicht homogen, er besteht aus einer Mischung von völlig unterschiedlichen und nicht zusammenhängenden Informationsarten. Genauer genommen aus acht Informationsarten. Lassen wir uns den bereits bekannten Stuhl untersuchen und die unterschiedlichen Informationsarten rausfiltern, die er uns liefert.

 

Informationsart Liefert Informationen
Handlungslogik Was hat der Stuhl gekostet? Wie stellt man ihn ein, wie benutzt man ihn?
Strukturlogik Der Stuhl gehört zur Kategorie „Möbeln“.
Emotionsethik Er ist schrecklich!
Beziehungsethik Ich finde ihn ganz nett.
Intuition der Möglichkeiten Man könnte ihn schenken. (der Stuhl besitzt die Fähigkeit, zu einem Geschenk zu werden)
Intuition der Zeit Er ist neu.
Willenssensorik Dieser schwarze Chefsessel wirkt bedrohend. Man möchte sich von ihm fernhalten.
Empfindungssensorik Sein Leder fühlt sich sanft und weich an.

 

Aus den aufgelisteten Beispielen kann man gut erkennen, dass diese Informationsarten miteinander nicht korrelieren. Z.B. der Stuhl kann weich oder hart sein und das ist völlig unabhängig davon, wie viel er gekostet hat oder wie alt er ist. All diese Informationsarten existieren im allgemeinen Informationsstrom parallel.

 

Diese acht Informationsarten nennt man Aspekte oder Informationsaspekte. In der Sozionik benutzt man spezielle Zeichen, um diese Aspekte darzustellen, siehe Tabelle unten.

 

Wir nehmen die Informationen dieser unterschiedlichen Aspekte nicht nur auf, sondern geben sie auch weiter, verbal und nonverbal. Wörter der menschlichen Sprache sind eine Art Behälter oder Träger, sie beinhalten und übertragen diese Informationsaspekte (*).

 

Viele Wörter einer Sprache übertragen eindeutig einen der erwähnten Aspekt, es gibt aber auch aspekttechnisch mehrdeutige Wörter. Ein gutes Beispiel ist das Wort „schön“. Es kann je nach Kontext Informationen der Willens- oder der Empfindungssensorik übertragen:

  • eine schöne intensive Farbe, die als Blickfänger die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich zieht, steuert und lenkt, trägt in sich den Informationsaspekt der Willenssensorik;
  • ein Stilleben-Bild mit ein paar Birnen auf einem Tisch kann sehr ruhig wirken. Und es kann zweifelsohne auch sehr schön sein. Allerdings ist diese Schönheit eine ruhige, innere, harmonische Schönheit. Es sind die weichen Schatten und Farbübergänge, die nicht aggressiv ausgestrahlt werden.

 

In dieser Mehrdeutigkeit liegt die Wurzel vieler Verständnisprobleme zwischen den Menschen. Wenn eine Person sagt: „Ich habe einen super Stuhl gekauft!“ und damit meint, dass dieser besonders günstig und komfortabel ist (Handlungslogik+Empfindungssensorik), stellt sich eine andere Person unter einem „super Stuhl“ z.B. einen besonders stilvollen (Intuition der Zeit) oder einen besonders schönen (Willenssensorik) Stuhl vor.

 

Sozionik hilft, diese Kommunikationshintergründe zu verstehen und so Verständnisprobleme abzubauen.

 

Wie wir die unterschiedlichen Informationsaspekte aufnehmen und verarbeiten, erfahren Sie in meinem nächsten Artikel zum Modell A.

 

Tabelle. Semantik der Aspekte
Semantik des Informationsaspekts Antwortet auf Frage(n)** Beschreibendes Verb***
Handlungslogik  

Gewinn, Bewegung, Handlung, Wissen, Methode, Mechanismus, Nutzen, Tat, Arbeit, Vernunft, Technologie, Fakt, Tatsache, Zweckmäßigkeit, Wirtschaft
Was tun? Wie tun? wird gemacht
Strukturlogik  

Analyse, Gesetz, Hierarchie, Messung, Klassifizierung, Einteilung, , Verständnis, Ordnung, Recht, Entfernung, System, Struktur, formale Logik
Was ist das Wichtigste? wird berechnet, bewiesen
Emotionsethik  

Aufregung, Laune, Beleidigung, Panik, Beunruhigung, (emotionales) Erlebnis, Weinen, Impuls zur Handlung, Freude, Romantik, Lachen, Unruhe, Emotionen der Menschen, Begeisterung
Was ist gut? wird erlebt
Beziehungsethik  

gut - böse, Liebe - Hass, Moral, Sittlichkeit, Zuneigung - Abneigung, Anstand, Sympathie - Antipathie, Fähigkeit nicht zu beleidigen, Menschlichkeit, Gefühle
Was gefällt? wird gefühlt
Intuition der Möglichkeiten  

plötzlich, innerer Aufbau, Unbestimmtheit, Ungewissheit, Suche, potentielle Möglichkeit, Fähigkeit, Schwerpunkt, ganzheitliche Wahrnehmung, Chance
Was ist aussichtsvoll? wird ganzheitlich wahrgenommen
Intuition der Zeit  

Zeit, Geschichte, Beziehungen zwischen Generationen, Prognose, Vergangenheit-Zukunft, Entwicklung der Prozesse in der Zeit, Rhythmus, Geschwindigkeit, Eile
Was wird geschehen? Was war? wird vorausgeahnt
Willenssensorik  

Macht, Einfluss, Aussehen, Wille, Begehren, Verlangen, Menschenmassen, Kampfbereitschaft, Kraft, Taktik, Territorium, Gebiet, Bereich, Form, Farbe
Was wird gebraucht? Was ist schön? wird gesehen
Empfindungssensorik  

Harmonie, „Hier und jetzt“, Gesundheit, Qualität, Komfort, Annehmlichkeit, Befinden, Bequemlichkeit, Zufriedenheit, Gemütlichkeit, Behaglichkeit, Ästhetik
Was jetzt? Was ist angenehm? wird gespürt

 

(*) Interessant in diesem Zusammenhang fand ich den Artikel „Amondawa tribe lacks abstract idea of time, study says“ von BBC. Die Amondawa-Indianer haben in ihrer Sprache kein Zeitkonzept und keine systematische Messlatte für die Zeitmessung entwickelt. Sie kennen keine Uhrzeiten, Tages- und Jahreszeiten, haben keinen Kalender. Den Ablauf der Ereignisse als zeitliche Abfolge kennen sie natürlich trotzdem und haben auch keine besonderen Schwierigkeiten beim Lernen der der portugiesischen Sprache. Denn die Zeit existiert als objektive Information um uns herum unabhängig davon, wie gut unsere Sprache sie beschreiben kann.

 

(**) Allgemeine Frage zu diesem Aspekt (nach Igor Weisband)

 

(***) Beschreibendes Verb (nach Roman Sedych mit Ergänzungen von Tatiana Prokofieva)